Fontainebleau [fõtɛnˈblo] (früher volksetymologisch Fontaine belle eau, eigentlich von fontaine und blitwald, von dem germanischen Personnamen Blit)[1] ist eine französische Stadt mit 15.696 Einwohnern (Stand 1.Januar 2019) im Département Seine-et-Marne in der Region Île-de-France. Sie liegt 55Kilometer südlich von Paris und ist Hauptort des Arrondissements Fontainebleau.
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Fontainebleau (Begriffsklärung) aufgeführt.
Die Landschaftsbezeichnung „Gâtinais français“ wurde für die historischen Provinzen Frankreichs für die Region um Fontainebleau verwendet. Im Juli 1313 fand dort die Heirat zwischen Johanna von Burgund und Philipp von Valois statt, der später als Philipp VI. König von Frankreich wurde.
Mit dem Edikt von Fontainebleau widerrief König Ludwig XIV. 1685 auf Schloss Fontainebleau das Edikt von Nantes von 1598, welches den protestantischen Hugenotten religiöse Freiheiten gewährt hatte.
Am 18. Oktober 1752 fand die Uraufführung der Oper Le devin du village von Jean-Jacques Rousseau statt. 1753 entstand Daphnis et Eglé, ein heroisches Werk von Rameau. Am 23. Oktober 1754 wurde die Oper Anacréon von Jean-Philippe Rameau uraufgeführt. Die Kolonie New Orleans ging 1762 im Rahmen des geheimen Abkommens von Fontainebleau an Spanien, was im Pariser Frieden 1763 bestätigt wurde. Von 1812 bis 1814 hielt Napoleon I. Papst Pius VII. in Fontainebleau gefangen.
Napoleons Abschied von der kaiserlichen Garde in Fontainebleau (1814)
Am 27. Oktober 1807 musste Spanien im Vertrag von Fontainebleau der französischen Armee Durchmarschrechte nach Portugal zugestehen. Anlass war die Weigerung des portugiesischen Königs Johann VI., nach Napoleons Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar England anzugreifen. Portugal wurde in der Folge besetzt und das Haus Braganza abgesetzt.
1810 wurde das Napoleonische Dekret von Fontainebleau als eines der Folgedokumente des Berliner Dekrets erlassen. Der neue Vertrag von Fontainebleau wurde 1814 geschlossen. Napoleon dankte ab und mit der Zweiten Restauration kehrten die Bourbonen auf den Thron zurück.
Im Jahr 1948 wurde hier im Umfeld einer internationalen Konferenz die Naturschutzorganisation IUCN gegründet.
Vom August 1953 bis April 1967 war Fontainebleau Sitz des NATO-Hauptquartiers Allied Forces Central Europe (AFCENT). In der Nähe der Stadt, auf dem Camp Guynemer, war das Hauptquartier der Allied Air Forces Central Europe (AAFCE). Nach dem Rückzug Frankreichs aus der militärischen Integration der NATO im Jahre 1966 wurde AFCENT nach Brunssum in den Niederlanden verlegt, das AAFCE bis 1974 aufgelöst.[2]
1984 fand in Fontainebleau ein Treffen des Europäischen Rates statt, dessen Entscheidungen die Eurosklerose beendeten. Der Britenrabatt beendete den jahrelang schwelenden Finanzstreit innerhalb der Europäischen Gemeinschaft; zwei durch den Gipfel ins Leben gerufene Ausschüsse (Ad-hoc-Ausschuss für institutionelle Fragen, auch Dooge-Ausschuss genannt, sowie der Ausschuss für das „Europa der Bürger“, auch Adonnino-Ausschuss genannt) führten schließlich zur Verabschiedung der Einheitlichen Europäischen Akte, der ersten Änderung der Römischen Verträge. Das Treffen gilt damit als ein Meilenstein der Europäischen Integration.
Partnerstädte
DeutschlandKonstanz in Deutschland seit dem 28. Mai 1960: Ein Schiff der Autofähre Konstanz–Meersburg trägt deswegen den Namen MF Fontainebleau.
England London Borough of Richmond upon Thames in England seit 1977
KambodschaSiem Reap in Kambodscha seit dem 11. Juni 2000: Diese Stadt enthält die Tempelanlage Angkor Wat.
Zudem ist Fontainebleau Mitglied des Bundes der europäischen Napoleonstädte.
Geografie und Verkehrswesen
Der Ort hatte von 1896 bis 1953 eine Straßenbahn. Diese war im Zeitraum vom 15. Juli 1901 bis 1953 als Oberleitungssystem ausgeführt.
Fontainebleau liegt an der Bahnstrecke Paris–Marseille und unterhält mit seiner Nachbarstadt den gemeinsamen Bahnhof Fontainebleau-Avon. Die Reisezeit nach Paris beträgt ca. 40 Minuten.
Der im ausgedehnten Waldgebiet von Fontainebleau gelegene Bahnhof Fontainebleau-Forêt wird für Wanderer am Wochenende und feiertags in Fahrtrichtung Süden von einzelnen Zügen des Transiliens R bedient[3] (siehe Halte de Fontainebleau-Forêt in der französischsprachigen Wikipedia).
Sehenswürdigkeiten
Siehe auch: Liste der Monuments historiques in Fontainebleau
Schloss Fontainebleau, erbaut im 16. Jahrhundert, Königsresidenz seit Franz I. mit bedeutender Renaissance-Ausstattung (Schule von Fontainebleau); Ort der ersten Abdankung von Napoléon Bonaparte
Notre-Dame-de-Barbeau (Kloster Barbeau), Gründung durch und Bestattungsort von Ludwig VII.
Wald von Fontainebleau, Inspirationsquelle für die von Théodore Rousseau begründete Malerei-Gattung des Paysage intime (siehe auch Künstlerverbund Schule von Barbizon vor Ort); Künstlerkolonie Grez-sur-Loing (Nachbarort, z.B. Frederick Delius); für einzelne Werke von Paul Cézanne wird die Entstehung hier vermutet; Verdi (evtl. Schiller) platzierte den ersten Akt der Oper Don Carlos (Verdi) an diesen Ort, möglicherweise als Anspielung auf Philipp VI. (von Valois) und Johanna aus Burgund sowie Sohn Johann II. mit Ehefrau Jutta von Luxemburg; die Sandstein-Blöcke im Wald von Fontainebleau gehören zu den bekanntesten und ältesten Bouldergebieten Europas
Persönlichkeiten
Anne-Marie Barat (1948–1990), Organistin
Elisabeth von Valois (1545–1568), Tochter Heinrich II. von Frankreich und Caterina de’ Medici
Franz II. (1544–1560), König von Frankreich
Jean-Baptiste Gaston, Herzog von Orléans (1608–1660), Herzog mehrerer Gebiete
Johanna von Burgund (um 1293–1348 oder 1349), Tochter des Robert II., Herzog von Burgund
Ludwig von Frankreich, Le Grand Dauphin (1661–1711)
Geborene und Verstorbene (chronologisch)
Philipp IV. (* 1268; † 29. November 1314), König von Frankreich
Franz II. (* 19. Januar 1544), König von Frankreich
Heinrich III. (* 19. September 1551), König von Frankreich
Antoine Caron (1521–1599), Maler, Aufenthalt um 1540, späterer Hofmaler für Katharina von Medici
Louise de La Vallière (1644–1710), Mätresse und Mutter, wohnte im Schloss
Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891), deutsch-russische, später US-amerikanische Schriftstellerin
Sophus Lie (1842–1899), norwegischer Mathematiker, Erforscher der Lie-Gruppen, war 1870/71 am Ort inhaftiert, da er irrtümlich für einen Spion gehalten wurde
Patricia Highsmith (1921–1995), Schriftstellerin, wohnte zeitweilig in der Region
Louis Malle, Regisseur, verbrachte 1944 eine Zeit im Internat „Petit Collège“ in Avon. Dort ereignete sich während der deutschen Besetzung der tödliche „Verrat“, der später zum Leitmotiv in Auf Wiedersehen, Kinder wurde.
Sonstiges
Bouldergebiet Fontainebleau
INSEAD (Institut Européen d’Administration des Affaires)
École d’application de l’artillerie et du génie, Militärschule
Amerikanische Konservatorium, Sommerakademie für Kunst und Architektur im Schloss
Etappenstart und Ziel der Tour de France 1967
Racing Club du Pays de Fontainebleau, ein zwischen Mitte der 1950er und der 1980er Jahre unter anderem Namen erfolgreicher Fußballverein
eine Außenstelle der Bundeswehrverwaltungsstelle Frankreich[4]
Maurice Toesca: Les grandes heures de Fontainebleau. Albin Michel, Paris 1984.
Traditionen des französischen Militärischen Reitsportzentrums (Centre sportif d’Équitation militaire, CSEM) und des Dragonerregiments Nr. 8 (Originaltitel: Traditions du Centre sportif d’Équitation Militaire et du 8e régiment de Dragons). Sonderveröffentlichung Nr. 1 des Kameradschaftlichen aus Fontainebleau, Adelheidsdorf/Münster 2010.
Albert Dauzat and Charles Rostaing, Dictionnaire étymologique des noms de lieu en France, Librairie Guénégaud, Paris, 1979.
Ausführlich: Blazek, Matthias: „Die Geschichte der NATO in Fontainebleau“, in: F-Flagge – Magazin für den Fernmeldering e.V., 37. Jg., Nr. 3/2010, S. 49 ff.
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