Kelze ist eine ehemals selbständige Gemeinde im nordhessischen Landkreis Kassel. Seit der hessischen Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre ist Kelze ein Stadtteil der Stadt Hofgeismar.
Der Karneval am Aschermittwoch und das Mayence-Fest am ersten Maisonntag erinnern bis heute an die Volksbräuche der französischen Bewohner, die ab 1699 in Kelze eine neue Heimat fanden. Landgraf Carl von Hessen-Kassel siedelte gegen Ende des 17. Jahrhunderts auch in der Umgebung der Stadt Hofgeismar französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) an, die nach dem Edikt von Fontainebleau und der Aufhebung der Religionsfreiheit in Frankreich im Jahre 1685 ihre Heimat verloren hatten. Ebenso fanden hier Hugenotten und Waldenser Flüchtlinge eine neue Heimat, die 1698 auf Befehl Ludwigs XIV. vertrieben worden waren. Nach 1698 bildeten sich nach der Vertreibung von Waldensern (in Kelze z.B. aus Orpierre) auch in anderen Gegenden Deutschlands waldensische Gemeinden.
Kelze entstand im Anschluss an diese zweite Ausweisung von Glaubensflüchtlingen aus Frankreich ab dem Jahre 1699 an der Stelle eines wüsten Dorfes, das unter der Bezeichnung Oberkelze im Jahre 1146 urkundlich erwähnt wurde.
Die evangelische Kirche des in Kreuzform angelegten Ortes Kelze wurde in Fachwerk errichtet und im Jahre 1709 eingeweiht.
David Clément
Die seelsorgerische Betreuung der Gemeinde erfolgte in den Anfangsjahren durch Pfarrer David Clément bis zu seinem Tod am 29. Januar 1725. Bereits seit 1686 war Clément Pfarrer der französisch-reformierten Gemeinde an der Neustädter Kirche in Hofgeismar. An sein Wirken erinnern eine Gedenktafel an der Neustädter Kirche sowie eine unweit der Kirche errichtete Statue. Seine Eintragungen im Kirchenbuch der Gemeinde in den Jahren 1686 bis 1725 geben Auskunft über die Amtshandlungen in der französisch-reformierten Gemeinde in Hofgeismar, später aber auch in Carlsdorf, Kelze und Schöneberg.
Bei der Volkszählung im Jahre 1779 wurden in Kelze 131 Personen in 36 Haushalten erfasst, davon noch 22 rein französische Haushalte und weitere acht Haushalte, in denen ein Ehepartner französischer Abstammung war. Durch die damals hohe Kindersterblichkeit hatte sich die Zahl der Bevölkerung seit der Neugründung des Ortes kaum verändert. Die Dorfbevölkerung war 1779 in der Landwirtschaft tätig, bei einigen Bewohnern wurden Nebenberufe erfasst, darunter zwei Strumpfwirker, ein Schuhmacher und ein Weber.
Siehe auch: Hugenottenund Waldenser
Zeit des Nationalsozialismus
Bereits zur Reichstagswahl 1920 wählten die Kelzer Bürger konservative und extrem rechtsgerichtete Parteien.[2] Bei der Reichstagswahl vom 7. Dezember 1924 erreichte eine nationalsozialistische Gruppierung 16,8% der Wählerstimmen.[3][4] Bei den Reichstagswahlen 1930 erzielte die NSDAP in Kelze 45,6% der Stimmen und wurde damit stärkste Partei. Die NSDAP löste damit im Ort die DNVP als dominierende Kraft ab, die bei den Reichstagswahlen 1920–1928 noch Ergebnisse von 60,2% bis 83,3% erreicht hatte. Bei den Reichstagswahlen 1932 steigerte die NSDAP ihr Ergebnis auf 93,2% (1932, I), 82,7% (1932, II). Bei der Stichwahl zum Reichspräsidenten 1932, bei der Hindenburg siegte, erreichte Adolf Hitler in Kelze 94,0% der Stimmen (Landkreis Hofgeismar 51,1%, Deutschland 36,7%). Bei dem vom republikfeindlichen Stahlhelm initiierten Volksentscheid am 9. August 1931 stimmten 87,1% von 148 Wahlberechtigten für die Auflösung des preußischen Landtages. Bereits im Jahre 1931 wurde aus Kelze von antidemokratischen und republikfeindlichen Gewalttaten gegen republiktreue Einwohner berichtet.[5] Als den Nationalsozialismus besonders unterstützend wurde in dieser Zeit die Kelzer Gastwirtsfamilie und Inhaber eines Geschäfts Jean Bonnet geschildert.[6] Für die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus wird Kelze allgemein als Hochburg des Nationalsozialismus eingeschätzt.[7]
Hessische Gebietsreform
Zum 1. Februar 1971 wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Kelze im Zuge der Gebietsreform in Hessen auf freiwilliger Basis in die Stadt Hofgeismar eingemeindet.[8][9] Für Kelze, wie für alle durch die Gebietsreform nach Hofgeismar eingegliederten Gemeinden, wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.[10]
Territorial- und Verwaltungsgeschichte im Überblick
Die folgende Liste zeigt die Territorien, in denen Kelze lag, bzw. die Verwaltungseinheiten, denen es unterstand:[11][12]
ab 1699: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Hofgeismar
ab 1806: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Hofgeismar
1807–1813: Königreich Westphalen, Departement der Fulda, Distrikt Kassel, Kanton Hofgeismar
ab 1821: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Hofgeismar[14]
ab 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Kassel
ab 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Hofgeismar
ab 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar
ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar
ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar
ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Landkreis Hofgeismar
ab 1945: Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar
ab 1946: Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar
ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar
ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel
Bevölkerung
Einwohnerstruktur 2011
Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Kelze 258 Einwohner. Darunter waren 12 (4,7%) Ausländer.
Nach dem Lebensalter waren 42 Einwohner unter 18 Jahren, 117 zwischen 18 und 49, 57 zwischen 50 und 42 und 36 Einwohner waren älter.[15] Die Einwohner lebten in 108 Haushalten. Davon waren 30 Singlehaushalte, 27 Paare ohne Kinder und 30 Paare mit Kindern, sowie 15 Alleinerziehende und 6 Wohngemeinschaften. In 15 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 75 Haushaltungen lebten keine Senioren.[15]
Einwohnerentwicklung
Kelze: Einwohnerzahlen von 1834 bis 2020
Jahr
Einwohner
1834
231
1840
257
1846
237
1852
239
1858
236
1864
240
1871
242
1875
245
1885
252
1895
237
1905
226
1910
219
1925
221
1939
240
1946
434
1950
421
1956
329
1961
302
1967
290
1970
266
1980
?
1990
272
2000
304
2005
302
2010
288
2011
258
2015
262
2020
272
Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: Die Bevölkerung der Gemeinden 1834 bis 1967. Wiesbaden: Hessisches Statistisches Landesamt,1968. Weitere Quellen: bis 1970:[11]; nach 1970: Stadt Hofgeismar[16][17]; Zensus 2011[15]
Frankreich Seit 1984 besteht eine Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Maringues.
Kulturdenkmäler
Zu den unter Denkmalschutz stehenden Kulturdenkmälern des Ortes steht die Gesamtanlage Kelze. Weiteres siehe: Liste der Kulturdenkmäler in Kelze.
Ehrenbürger
1895 Otto von Bismarck (1815–1898), Reichskanzler
Literatur
Auguste Homburg: Die französische Kolonie Kelze. Hofdruckerei Paul Schulz, Hofgeismar 1941.
Friedrich Bleibaum (Schriftleitung): Kreis Hofgeismar (= Handbuch des Heimatbundes für Kurhessen, Waldeck und Oberhessen, Bd. 3). Oberhessische Presse, Marburg/Lahn 1966, S. 158 ff.
Jochen Desel: Französische Dörfer: 300 Jahre Kelze und Schöneberg, Band II: Deutsche Zuwanderer 1669–1779. Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde Kassel 1834, Zweigverein Hofgeismar, Hofgeismar 1999.
Weblinks
Commons: Kelze– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Th. Klein: „Die Hessen als Reichstagswähler: Tabellenwerk zur politischen Landesgeschichte 1867–1933“, Zweiter Band, Erster Teilband, Marburg 1992 (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Hessen, 51), S. 529–565
Handschriftliche Zusammenstellung der Ergebnisse der Reichstagswahl vom 7. Dezember 1924 (StAM, Bestand 180 LA Hofgeismar Nr. 3520)
Hofgeismarer Zeitung, 58. Jg., Nr. 288, 8. Dezember 1924.
Bericht des Kreisschulrats Vecherer an den Regierungspräsidenten vom 18. Juni 1931 (StAM, Bestand 165 Nr. 7010)
Abschrift des Berichtes des Oberlandjägers Trochim an den Oberstaatsanwalt vom 15. Juni 1931 (StAM, Bestand 165 Nr. 7010).
Michael Schmitt: „Ein Republikaner auf Vorposten: Eine politische Auseinandersetzung im Landkreis Hofgeismar am Ende der Weimarer Republik. Dargestellt an einem Vorfall in der Gemeinde Kelze.“, in Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Band 100, Kassel 1995
Gemeindegebietsreform: Zusammenschlüssen und Eingliederungen von Gemeinden vom 20.Januar 1971. In: Der Hessische Minister des Inneren (Hrsg.): Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1971 Nr.6, S.248, Abs. 11 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags[PDF; 6,2MB]).
Statistisches Bundesamt (Hrsg.):Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. W. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S.398.
Hauptsatzung.(PDF;22kB)§;4.In:Webauftritt.Stadt Hofgeismar,abgerufen im März 2022.
Kelze, Landkreis Kassel. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 30.September 2021). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
Michael Rademacher:Land Hessen.Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006.In:treemagic.org.Abgerufen am 1.Januar 1900
Kur-Hessischer Staats- und Adress-Kalender: 1818. Verlag d. Waisenhauses, Kassel 1818, S.28f. (online bei Google Books).
Trennung von Justiz (Justizamt Hofgeismar (Sitz Veckerhagen)) und Verwaltung: Verordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August, S. 223–224. (kurhess GS 1821)
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